Frankfurt Dresden Dance Company - Jacopo Godani

Frankfurt Dresden Dance Company ::Aktuelles

„Es geht auch um Schönheit, Emotion, Zerbrechlichkeit durch Bewegung“


Jacopo Godani über seinen geplanten „Anthologie“-Abend im Dezember

Was wohl im Dezember wieder möglich sein wird? Knapp einen Monat vor der Premiere des „Anthologie“-Programms ist offen, ob die geplante Rückschau auf fünf erfolgreiche Jahre Dresden Frankfurt Dance Company stattfinden kann. Jacopo Godani hatte eigentlich schon längst seine Werkauswahl für den Abend im Frankfurter Schauspiel getroffen. Nun wird coronabedingt zweigleisig gefahren: Die Kompanie bereitet sich zum einen auf den programmatisch leicht angepassten „Anthologie“-Abend vor, rüstet sich zugleich aber auch für eine Performance unter Abstandsregelungen auf der Bühne. Im Interview erzählt Godani von Motivation und Frustration und von dem, was für ihn die Signatur der Dresden Frankfurt Dance Company ausmacht.

Wie geht die Kompanie mit der aktuellen Situation um, die ja sicher keine einfache ist?

Es ist so verrückt. Wir wissen überhaupt nicht, ob wir Abstand halten müssen oder uns berühren dürfen. Es geht ständig hin und her. Wir versuchen, uns auf alles einzustellen, aber wir können ja auch nicht einfach auf Knopfdruck abliefern. Wir arbeiten deshalb momentan zunächst an einem Programm, das fast dem geplanten „Anthologie“-Abend entspricht. Wir stellen uns aber auch auf ein Notfallprogramm ein, das auf der Choreografie „Alter Ego“ basiert, welches im Frühjahr von der Pandemie unterbrochen wurde. Das ist ein Stück, das wir so adaptieren können, dass wir uns nicht berühren. Künstlerisch ist das die beste Option, und im Grunde ist es auch die einzige Möglichkeit, überhaupt etwas zu zeigen, bei dem wir Abstand zwischen die Tänzer bringen. Das wäre Plan B. Aber eigentlich wollen wir den „Anthologie“-Abend mit „The Small Infinite“, „High Breed“, „Echoes from a Restless Soul“ und „Unit in Reaction“ realisieren und arbeiten daran.

Das bedeutet, eine Menge gleichzeitig in petto zu haben.

Auf jeden Fall, das ist auch wirklich ein bisschen stressig. Wir haben aber den festen Willen zu arbeiten. Wir brauchen das Tanzen, wir brauchen die Proben. Es ist hart, wenn wir nicht auf unsere gewohnte Weise funktionieren können.

Kann die Kompanie momentan denn ganz normal proben?

Ja, wir haben die Erlaubnis vom Gesundheitsamt, weil wir zum Spitzensport zählen, so ähnlich wie eine Fußballmannschaft. Aber wir hatten gerade erst eine zweistündige Diskussion mit allen Tänzern. Es ist manchmal einfach frustrierend, an etwas zu arbeiten, von dem man nicht weiß, ob man es zeigen kann. Aber eigentlich ist es das einzige, das wir momentan überhaupt tun können. Es verändert allerdings nicht nur die Art zu arbeiten, sondern auch die Art zu denken. Wie bereitet man sich auf etwas vor, wie motiviert man sich selbst? Alle Parameter müssen neu bestimmt werden.

Gehen wir einfach einmal davon aus, dass das „Anthologie“-Programm getanzt werden kann. Was verbindet die Stücke?

Die Idee des Weiterkämpfens. Das sind alles starke Stücke, die auf der Kraft von Gruppen, von sozialer Kommunikation basieren. Sie stehen dafür, was Menschen zusammen erreichen können, mit gemeinsamen Absichten, mit gemeinsamen Zielen, mit dem gemeinsamen Willen zu kämpfen. Die Stücke beruhen auf raffinierten Gruppenaktionen. Die Gruppe findet die richtige Richtung nur, wenn eine Absicht dahintersteht. Ich lehre die Tänzer nicht, sich nach Rhythmus und Schlägen eins, zwei, drei, vier zu bewegen, das reicht nicht. Es geht darum, sich gegenseitig zu beobachten, im selben Moment zu denken und zu tanzen, so dass man absolut auf derselben Wellenlänge ist. Das ist für mich ein ganz aktuelles Thema im Moment. Einheit ist etwas, was gerade aus unserer Welt verschwindet. Alles schottet sich ab. Es bleibt kaum etwas, was die Menschen zusammen erzielen. Wo auch immer es darum geht, dass Menschen in Gruppen mit einem gemeinsamen Ziel zusammenkommen, wird das ausgelöscht durch die blödesten Sachen, ein Virus, ein Terrorakt, was auch immer. Wir vergessen ja schon allmählich, was die guten Dinge waren. Die neue Generation wächst auf ohne zu verstehen, was die wichtigen Werte waren. Wir wollen nicht, dass in Vergessenheit gerät, was gute zwischenmenschliche Beziehungen ausmacht, was menschliche Interaktion bedeutet.

Gleichzeitig zeigt das Programm ja auch ein bisschen das Spektrum der Kompanie, oder? Es sind raue, kantige Stücke dabei, aber auch zartere, elegantere.

Es gibt auf jeden Fall zwei kraftvolle, aggressive Gruppenformationen, und zwei andere – mit klassischer Musik –, die empfindlicher, fragiler sind, aber deswegen nicht simpler. Sie sind auf ihre eigene Art sehr raffiniert, und sie zeigen genauso die Signatur der Kompanie. Wir wollen nicht einfach etwas auf der Bühne loswerden. Die Leute sollen schon verstehen, was wir tun, es muss ein gutes Level an Kartentricks und Raffinement da sein. Aber die zwei Stücke vermitteln auf jeden Fall einen Zustand von Zerbrechlichkeit und Zartheit. Kunst heißt ja für uns nicht, dass man sich immer durch die Wand durchboxen muss. Es geht auch um Schönheit, Emotion, Zerbrechlichkeit durch Bewegung.

Und manchmal vielleicht auch um die Übergänge vom einen ins andere? Und die Übergänge zwischen klassischen und modernen Elementen?

Das ist das Grundlegende. Und es geht um eine ganz zeitgenössische Interpretation von etwas Klassischem. Natürlich kann man Musik so in den Kontext stellen, dass man glaubt, Romeo und Julia zu sehen. Aber so muss es doch nicht zwingend sein. Bach und Ravel haben wunderbare Musik geschrieben, die wollen wir mit unseren Stücken ehren, aber eben, indem wir ihr eine zeitgemäße Vision geben. Ich will mit „The Small Infinite“ anfangen als etwas Grundlegendem, Essenziellem, darauf aufbauen mit etwas Komplexerem, Kraftvollen, dann wieder zurückgehen zu Spitzenschuhen, Klavier und Ravel und schließlich enden mit „Unit in Reaction“, das ganz viel Unterschiedliches vereint.

Text: Ruth Seiberts, © Fotos: Dominik Mentzos (The Small Infinite, Echoes from a Restless Soul, Unit in Reaction), Raffaele Irace (High Breed)