Frankfurt Dresden Dance Company - Jacopo Godani

Frankfurt Dresden Dance Company ::Extinction of a Minor Species

Extinction of a Minor Species strukturiert sich um eine Reihe von Handlungen, in denen Tanz im Mittelpunkt steht. Innerhalb dieses ‘Aktionsfeldes’ durchdringt ein außerzeitliches Narrativ die Atmosphäre, um bewußt die Grenzen des Ungewissen zu definieren und einen künstlerischen Raum zu schaffen, in dem Tanz, Choreografie und Körper ästhetischen Widerstand leisten.
Die Bildsprache von Extinction of a Minor Species kreist essenziell um den menschlichen Körper. Vor dem Raum kommt immer der Körper. Körper sind in dieser Aufführung allgegenwärtig − angedeutet, abgebildet oder choreografisch und künstlerisch verwandelt. Körperbilder erinnern uns an die Antike und an mythische Kriege. Höllen-Kreaturen und Cyborg-Faune lauern auf der Bühne, während gottähnliche Wesen in unbekannten Zungen flüstern. Doch wir können die Sprache des Körpers und des Fleisches nicht mehr verstehen.

Extinction of a Minor Species zeigt, wie wenig es braucht, um einen Körper zu verwandeln: eine gemalte Linie, eine Gebärde, eine Prothese oder einen Klang. Auch die Körperhaltung verwandelt die äußere Erscheinung der Performer in ein Narrativ: zerbrechliche Körper mit gefährlichem Gesicht. Körperlichkeit wird als eine Kommunikationsform wahrgenommen, als jene, die Tiere haben und die der Mensch hatte, bevor er die Sprache beherrschte. Am Anfang stand die Geste: ein Fenster zum Geist. Und wir, die menschlichen Tiere, drücken uns weiterhin durch Gesten und körperliche Signale aus.

Doch wie stark es auch immer darauf trainiert sein mag, die eigene wahre Natur nicht zu zeigen: Das menschliche Tier – von seinen Geistern verfolgt,  manchmal verängstigt und sich verbergend – will nicht vergehen, es kehrt immer wieder, wirft alle auferlegten Grenzen ab und windet sich unter dem Druck der Schönheitsnormen. Im Streben des Körpers nach Vollendung der eigenen Integrität durch Bewegung liegt eine Theatralität. Im choreografischen Handeln von Extinction of a Minor Species liegt eine Harmonie, und in der Zusammenfügung choreografischen Materials liegt eine Freiheit, sogar eine emotionale Unabhängigkeit.

Die Produktion verlangt eine Reflexion darüber, was in uns ist: ein Verlangen nach Theatralischem. Godanis wichtigste künstlerische Konzepte sind allesamt anwesend im Kontext zahlloser Möglichkeiten und überlassen als versteckte Anspielungen dem ‘Aktionsfeld’ die Deutung. Im Verschmelzen klassischer Formen mit extremer Ästhetik appelliert Extinction of a Minor Species an uns, unsere Werte in Hinsicht auf Schönheit infrage zu stellen, Raum für eine andere Art von Schönheit zu schaffen, gegenwärtige Konzepte von Schönheit in der Gesellschaft neu zu bewerten, zu überdenken, was wir als Schönheit wahrnehmen können, und schließlich, unsere Sicht darauf zuzulassen.


In einer Welt, in der es scheint, als wäre uns ihr Schutz gleichgültig und ein Bewusstsein für die Zeit abhanden gekommen, weist Extinction of a Minor Species auf ein zeitloses Universum hin, in dem jede innere Entscheidung choreografischen Widerhall findet. Hier kann Auslöschung durch das Bemühen, einen Raum der Imagination zu öffnen, verlangsamt werden.

Luisa Sanacho Escanero


„In unserer westlichen Tradition gelten „Kunst“ und „Wissenschaft“ meist als zwei deutlich getrennte Aktivitäten des Menschen, die wenig gemein haben: „Kunst“ ist schön, ästhetisch, inspirierend, ein „nice to have“ und eine Art Luxus, die das Leben lebenswert macht; „Wissenschaft“ ist nützlich und lebensnotwendig und macht nach Auffassung Vieler die Metaphysik und Religion obsolet, da sie letztlich alle Fragen beantworten wird. Je mehr wir jedoch einerseits über die Evolution des Menschen, unseres Körpers und unseres Gehirns erfahren, andererseits aber auch über die – gerade durch die Evolution – gesetzten Grenzen unseres Wissens und unserer Erkenntnis lernen, desto mehr erkennen wir die Gemeinsamkeiten: in der Kunst wie in der Wissenschaft geht es um Wahrnehmung, Verstehen und Kommunikation, es gibt eine wissenschaftliche und eine künstlerische Forschung, die jeweils ihre spezifischen, aber komplementären Stärken, Schwächen und Begrenzungen haben. Jacopo Godani und seine Dresden Frankfurt Dance Company treiben diese künstlerische Forschung bis an ihre Grenzen. Was ist Bewegung und was kontrolliert sie? Welche Bewegungen sind mit einem menschlichen Körper möglich? Wie können diese Grenzen der Bewegung und der Tanzkunst, die durch die Tradition, Kultur, unser Gehirn und unsere Biologie scheinbar gesetzt sind, überwunden werden? Wie können Bewegungen unser komplexes „Selbst“ zum Ausdruck bringen? In Jacopo Godanis Vision ist Tanz die ultimative Möglichkeit für eine ganzheitliche (aber nicht-wissenschaftliche) Selbst-Entdeckung und Selbst-Vergewisserung einer „minor species“, die gegenwärtig zahlreiche Organismen-Arten zum Aussterben bringt und damit die Zukunft der eigenen Art gefährdet.

Die Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung freut sich auf die Kooperation mit der Dresden Frankfurt Dance Company. Ein künstlerischer Ansatz erweitert durch den Perspektivwechsel den rein wissenschaftlichen Blick auf Natur und Mensch und bietet dadurch einen Mehrwert für die Forschenden, die Künstler und auch die Besucher.“

(Prof. Dr. Dr. h. c. Volker Mosbrugger, Senckenberg-Generaldirektor)

   

In Zusammenarbeit mit der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung

 

Eine Kooperation mit den Dresdner Musikfestspielen 2017 und HELLERAU - Europäisches Zentrum der Künste Dresden

Extinction of a Minor Species

Choreografie Jacopo Godani

Musik 48nord (Ulrich Müller & Siegfried Rössert)
Licht, Bühne, Kostümdesign Jacopo Godani 

In Zusammenarbeit mit der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung

Eine Kooperation mit den Dresdner Musikfestspielen 2017 und
HELLERAU - Europäisches Zentrum der Künste Dresden